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NEURALGISCHE SCHULTERAMYOTROPHIE
Parsonage-Turner-Syndrom

Der Begriff "neuralgisch" weist darauf hin, daß die Krankheit mit Nervenschmerzen einhergeht, also wie bei einer Neuralgie und mit dem Wortteil "Amyotrophie" wird die Atrophie (= Gewebsschwund) eines Muskel s bezeichnet. In diesem Falle kommt es also zu einem Gewebsschwund der Schulter muskulatur.

Die NEURALGISCHE SCHULTERAMYOTROPHIE ist eine Erkrankung des Ple xus brachial is (= Arm nerven geflecht).

Die Ätiologie (= Krankheitsursache) der neuralgische n Schulteramyotrophie ist nicht geklärt. Folgende Ursachen werden diskutiert:

Am häufigsten tritt die Schmerzerkrankung zwischen dem 20. und 60. Lebensjahr auf, wobei Männer deutlich häufiger betroffen sind. Die jährliche Inzidenz (= die Anzahl neuer Erkrankungsfälle) liegt bei ca. 1.5 pro 100.000 Einwohner. Man muß aber davon ausgehen, dass viele Fälle nicht diagnostiziert werden. Auch hier hat wieder der Satz Gültigkeit: Je seltener eine Krankheit auftritt umso höher ist die Dunkelziffer an nicht erkannten Fällen.
Nicht selten tritt die Krankheit beiderseits auf, Schmerzen werden aber hauptsächlich auf einer Seite empfunden.

Die Schmerz en setzen plötzlich ein und imponieren als akute (= plötzlich heftig auftretende Krankheitszeichen) Zervikbrachialgie (= Schulter-Arm-Schmerzen).Nach mehreren Tagen treten Lähmungen von Schulter - und Arm muskeln auf, Sensibilitätsstörungen (= Gefühlsstörungen) kommen höchstens in 20-30 % vor.
Die Prognose
(= Vorhersage, der Verlauf) ist günstig, die motorischen Ausfälle (= Lähmungen, Muskelschwäche) bilden sich von selbst langsam (über Monate) zurück.
Betroffen sind meist jugendliche Erwachsene, Männer häufiger als Frauen.

Behandlung der Schulteramyotrophie (neuralgische) im akuten (= plötzlich heftig auftretende Krankheitszeichen) Stadium:
Cortison (z.B. 60 mg Prednisolon/Tag, dann über 2 Wochen rasch absteigend dosieren), und gegen die Sch
merzen Antiphlogistika (z.B. Phenylbutazon, Salicylate) (= entzündungshemmende Mittel) bzw. nichtsteroidale Antirheumatika (z.B. Diclofenac, Indometazin). Magenschonend sind diesog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib oder Etoricoxib, allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Öfters ist auch eine Behandlung mit einem Antikonvulsivum
(= ein Mittel gegen die Fallsucht, aber auch bei einem anfallsartigen Schmerz wirksam) hilfreich. Als erste Wahl gelten heute Gabapentin oder Pregabalin, als 2. Wahl Carbamazepin. Die Kombination mit Baclofen hilft Gabapentin bzw. Pregabalin oder Carbamazepin einzusparen.
Hilfreich sind in dieser Situation auch interskalenäre Plexusblockaden
(= Betäubungen des Armnervengeflechts im seitlichen Halsbereich).

In der Regel klingen die Sch merzen bei der Schulteramyotrophie (neuralgische) nach einigen Tagen wieder ab, die Muskelschwäche hält aber an (in der Regel ca. 10 - 12 Monate).
Nicht selten aber persistieren
(= bestehen weiterhin) Sch merzen oder werden immer wieder durch aktive Muskeltätigkeit im Schu lter/Armbereich ausgelöst.

Falls Sch merzen weiter anhalten, nicht verzagen, es gibt ja noch die spezielle Schmerztherapie:

Verbleiben trotz einer krankheitsspezifischen Behandlung beim Parsonage-Turner-Syndrom weiterhin Schu lter-/ Armschmerzen, so eignen sich zur Behandlung folgende Maßnahmen, wobei Dauerschmerz en praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren erfordern. Häufig sind die schmerztherapeutischen Behandlungsmethoden bei verschiedenen Grundkrankheiten die gleichen, da sie sich nach dem Sch merz und seiner Ausdehnung und nicht mehr vorrangig nach seiner Ursache richten.

Grundsätzlich sollte auch bei Schulterschmerzen /Ar msch merzen aufgrund einer Schulteramyotrophie (neuralgische) eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Schmerzmittelabhängigkeit vermieden werden. Die Kombination mit schmerzdistanzierenden Antidepressiva (= Mittel gegen Depression, aber auch bei chronischen Schmer zen wirksam) (z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Analgetika (= Schmerzmittel) einzusparen.

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika) bei der Schulteramyotrophie (neuralgische) bzw. beim Parsonage-Turner-Syndrom:
Die besten Therapieergebnisse bei hartnäckigen Schulter-Arm-Schmerzen werden mit der kontinuierlichen Blockade des Plexus brachialis in der sog. retrograd hohen Variante erzielt.
Dabei wird ein dünner Kunststoffschlauch (Katheter) nahe der Achselhöhle in die Nervenscheide des Armnervengeflechts eingepflanzt und innerhalb derselben noch weiter nach oben vorgeschoben. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten" werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. Während dem Einspritzen und noch kurze Zeit danach wird der Oberarm mit einer Manschette abgestaut, so daß die Betäubungsmittellösung innerhalb der Nerven
scheide nach oben getrieben wird und so auch im Schulterbereich und bei entsprechender Betäubungsmittelmenge sogar an der Halswirbelsäule schmerzlindernd wirken kann.
Das örtliche Betäubungsmittel wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben.
Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Ner
ven betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung resultiert, die entzündlichen oder degenerativen (= abnutzungsbedingten) Prozessen nachhaltig entgegenwirkt. Beim Parsonage-Turner-Syndrom kommt es durch diese Sympathikolyse auch zu einer Normalisierung des gestörten Nervenzellmetabolismus (= Nervenzellstoffwechsel).

Alternativ kann auch die kontinuierliche interskalenäre Blockade
(= Betäubungen des Armnervengeflechts im seitlichen Halsbereich) mit Katheter durchgeführt werden, wobei aber das methodische Risiko etwas größer ist als bei der zuvor beschriebenen Methode.

Physikalische Therapie beim Parsonage-Turner-Syndrom:
Auch die Elektrostimulation eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Nervenstimulation mit Niederfrequenzgenerator (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig über dem Schmerzbereich aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden. Wir verordnen TENS grundsätzlich nur leihweise für 6 Monate, da erfahrungsgemäß die Wirkung nach längerer Anwendung nachläßt.
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist die oberflächliche Kältetherapie im Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen Luftstrom auf ca.-10 bis-15 Grad C abgekühlt ist.
Manche Patienten mit einer Schulteramyotrophie empfinden allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser wirksam.
Ganz wichtig ist eine funktionserhaltende und gegen die Muskellähmung gerichtete heilgymnastische Therapie.
Weiter Therapiemöglichkeiten: Magnetfeldtherapie (pulsierende Signaltherapie) oder auch Hochtontherapie..

Andere Therapiemaßnahmen beim Parsonage-Turner-Syndrom:
Der Vollständigkeit halber darf die Akupunktur (Schmerzakupunktur) in der Behandlung chronischer Schu lter-/Ar mschme rzen nicht unerwähnt bleiben.
Hypnoide
(= bewußtseinsverändernde) Verfahren wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson, ebenso ein Schmerzbewältigungstraining sind beim Parsonage-Turner-Syndrom im Rahmen einer psychologischen Mitbetreuung eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie.

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Aktualisiert:>22.05.2008</> kusb&06/08
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